Politik trifft Kirche

Wie sieht verantwortungsvolle Politik aus? Sind christliche Werte heute noch Grundlage für politisches Handeln? Oder ist dies mittlerweile ein Ideal, das mit der heutigen Realität nicht mehr viel zu tun hat? Diese nach wie vor aktuellen Fragen regten die Mitglieder der JU-Balve dazu an, Herrn Pfarrer Dr. Richter zu einer offenen Diskussion einzuladen. Der Geistliche nahm die Einladung an, und so wurde bis spät in den Samstag Abend hinein eine lebhafte Debatte im Haus „Padberg“ geführt.

In der grundlegenden Frage, in was für einer Gesellschaft wir heute leben, kam man überein, dass diese weitaus differenzierter und heterogener geworden sei. Die Verbindung zwischen Gesellschaft und Kirche, die sich einst wie ein roter Faden durch das gesamte Leben eines Menschen zog, sei sehr beliebig geworden. Aus dieser Entwicklung ergebe sich auch ein Dilemma für die Volksparteien: Wie können die eigenen Mitglieder durch gemeinsame Werte zusammengehalten werden, wenn gerade dieses Fundament immer stärker bröckle? Womit identifiziere sich eine Partei noch?

Gerade in solch einer Zeit sei ein charismatischer Politiker, der die Menschen vereint, indem er große Visionen, Ziele und Wünsche klar artikuliert, eine gute Antwort. In Amerika sei dies gerade eindrucksvoll zu beobachten gewesen.

So kam man überein, dass der Leitgedanke „Freiheit in Verantwortung“ sowohl in der Politik, als auch für das Leben eines Christenmenschen gelte. Auch deshalb solle eine Jugendorganisation wie die Junge Union eine kritische und mutige Einstellung an den Tag legen und mit neuen Ideen für frischen Wind sorgen. Sind nicht z.B. durch den Tourismus ökologische Themen mit wirtschaftlichem Nutzen in Einklang zu bringen? „Die Bewahrung der Schöpfung“ müsse ein Anliegen aller sein, so der Geistliche.

Auch beim gerade aktuellen Thema der Finanz- und Bankenkrise stand die Frage der Verantwortung im Mittelpunkt. Obwohl man sich einig war, dass strengere Regeln derartige Krisen in Zukunft verhindern sollten, so zeigten sich bezüglich des weiteren Vorgehens der Politik Differenzen zwischen dem Geistlichen und den Jungpolitikern. Während Herr Pfarrer Dr. Richter sich dafür aussprach, den Banken nicht unter die Arme zu greifen und mit einem „Crash“ einen heilsamen Effekt zu erzielen, verteidigte die JU die Rettungspakete für die angeschlagenen Banken. Die Auswirkungen auf die Realwirtschaft mit negativen Konsequenzen für Millionen unbeteiligter Bürger, die z.B. ihre Arbeit verlieren würden, seien nicht zu verantworten.

Auch beim Thema Familienpolitik und Kindererziehung kämen große Herausforderungen auf uns zu. Aufgrund zunehmender Arbeitsbelastung beider Elternteile, hoher Scheidungsraten und finanzieller Probleme seien einige Eltern mit der Erziehung zunehmend überfordert. Die Ausbildung der Kinder in den Schulen werde schwieriger, wie auch Pfarrer Dr. Richter aus eigener Lehrerfahrung berichten konnte. So sei die wünschenswerte ganztägige Betreuung der Kinder zuhause nicht mehr in allen Familien gegeben. Die Vorstellung der Jungpolitiker, eine Nachmittagsbetreuung mit Mittagsessen, eventuell in Kooperation zwischen Staat und Kirche, anzubieten, konnte Pfarrer Dr. Richter mit eigenen Überlegungen ergänzen.

Doch auch wenn bei diesem Thema die Politik etwas verändern könne, so werde das Gestaltungsvermögen nationaler Politik zunehmend eingeschränkt. Die globalisierte Wirtschaft und einflussreiche Medien ließen die Politiker mehr reagieren, denn agieren. Eine „soziale Marktwirtschaft auf globaler Ebene“, wie sie gerade erst EU-Parlamentspräsident Pöttering forderte, sei erstrebenswert; wenngleich sich deren Umsetzung als schwierig erweisen dürfe.